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6. Bericht aus Rumbek, 05. März 2006

Es ist heiß im Sudan, warmer Wind weht Wolken von Staub über ’s Land. Am Nachmittag klettert das Thermometer weit über 40 Grad, die drückende Hitze lähmt die Menschen. Bis zum Ende der Trockenzeit im April werden die Temperaturen weiter steigen, noch steht die Sonne nicht im Zenit!

Gestern war mein Geburtstag, hier ein Tag wie jeder andere, ein Arbeitstag. Aber es war doch ein schöner Tag. Wir sind mit dem Pickup nach Akot, einem Ort ca. 55km von Rumbek  gefahren, um für die Schule, die wir bauen, Wellbleche für die Dächer abzuholen. Diese werden uns nach erfolgreichem Projektantrag von der schwedischen Hilfsorganisation "Safe the Children-Sweden" SC-S gegeben, für das Budget bedeutet das eine Ersparnis von ca. 3800,-US$! Unterwegs machten wir noch eine "humble experience" als wir wegen einer defekten Tankanzeige plötzlich mit leerem Tank liegen blieben. Nach langem Fußmarsch in der Mittagshitze bekamen wir  im nächstgelegenen Dorf 15l Diesel von einer einheimischen Straßenbaufirma geschenkt, ein Beitrag zu unserem gemeinnützigen Projekt. Solche Zeichen der Wertschätzung unserer Arbeit gibt es gelegentlich und sie sind immer wieder eine willkommene Unterstützung. Eine weitere wertvolle Hilfe kommt vom World Food Program WFP der UN durch "Food for Work", womit wir noch einen guten Teil der Löhne einsparen können.
 


Aus dem lehm- und tonhaltigen Boden werden Ziegel geformt und in der Sonne getrocknet.


Anschließend werden sie zu Ziegelöfen aufgestapelt und 4 Tage mit Holz befeuert und so gebrannt.


Hier werden die gebrannten Ziegel auf den Pickup verladen.
 

Die Bauarbeiten schreiten voran, zwar langsam und mit Hindernissen, aber es geht Schritt für Schritt weiter. Zwei Gebäude für drei Klassenzimmer sind mit Fundamenten, Betonsohle und Mauerwerk fertig gestellt. Die Arbeiten für die Küche und die Toiletten gestalten sich schwierig. Leider muss ich feststellen, dass die Bauleute hier doch mit einfachen Arbeiten oft überfordert sind. Dazu kommt, dass sie über kein eigenes Werkzeug verfügen. Alles, was sie mitbringen, sind Maurerkellen, aber niemand hat eine Schaufel, eine Schubkarre, ein Maßband oder eine Maurerschnur, geschweige denn eine Wasserwaage. Das Meiste habe ich besorgen müssen, um dann festzustellen, dass viele mit Hilfsmitteln wie Maurerschnur und Wasserwaage gar nicht umgehen können.

 


Ausgefeilte Logistik sichert den Materialnachschub.


Die angelieferten Steine werden in Handarbeit zu Betonzuschlag zerkleinert.


Was wie eine archäologische Grabungsstätte aussieht ist die Grube der Toiletten mit den Fundamentgräben.

Diese baupraktischen Schwierigkeiten sind dabei nicht die einzigen, die meine Geduld fordern. Mit den Dinka zu arbeiten ist nach der Erfahrung aller, die es schon versucht haben, schwierig. Sie sind ein kriegerisches Volk, und immer wieder führen kleine Meinungsverschiedenheiten zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Kaum ein Konflikt wird hier friedlich in vernünftigem Gespräch geklärt, meistens wird sofort die Polizei eingeschaltet und bei Gericht ein "case" eröffnet, was nicht nur äußerst lästig ist, sondern immer auch Geld kostet. Nach einer Schlägerei, in deren Verlauf auch ein kenianischer Bauunternehmer angegriffen worden war,  steht unsere Baustelle inzwischen unter Polizeischutz. Jetzt sind die Polizisten selbst ein Sicherheitsrisiko. Sie nehmen ihren Auftrag sehr ernst , sind dabei aber oft unbeherrscht und unkontrolliert. Sehr spontan fuchteln sie mit ihren geladenen Kalaschnikows herum.

 


Der Rohbau eines Klassenzimmers


Und der eines Doppel-Klassenzimmers    


Immerhin die Fundamente der Pit-Latrine sind fertig

Vorgestern war nach Anzeige durch einen Lehrer, der die Baustelle etwas beaufsichtigt, eine Gruppe von Männern eingebuchtet worden, die zum zweiten Mal mit einem linken Betrugsversuch entlarvt worden waren. Sie kommen zur Baustelle und laden eine LKW-Fuhre Sand ab, berufen sich dem Lehrer gegenüber auf mich als Auftraggeber und dann, wenn es um die Bezahlung geht, mir gegenüber auf den Lehrer. Tatsächlich hatten sie keinen Auftrag, verlangten aber 220,-US$. Dem Chef der "Firma", ein anständiger Mann und in diesem Fall Opfer seiner eigenen Arbeiter, habe ich den Sand zum Selbstkostenpreis abgekauft, ihm damit einen Verlust und uns eine Mehrausgabe erspart.

Wann immer man mit einem seriösen Menschen aus Rumbek über diese Dinge spricht, die ständigen Streitigkeiten, die Betrügereien, das "fighting" und die Neigung zum "tricksen", um es einmal so zu nennen, erhält man mit wohl ehrlichem Bedauern als Erklärung immer die 'Traumatisierung der Menschen durch den Krieg'. Ich glaube, dass etwas daran ist, wer kann sich schon vorstellen, was es bedeutet 23 Jahre im Kriegszustand zu leben! Father Colombo, der Generalvikar der Diözese, sagte einmal: "Ci vuole tanta pazienza e compassione", "Man braucht viel Geduld und viel Mitleid mit den Menschen". Für außen Stehende ist es jedoch nicht leicht, immer die erforderliche Geduld aufzubringen und Mitleid zu haben. Oft genug ist man ganz schön ärgerlich! Aber ich sehe neben der Arbeit am Projekt an sich hierin eine Herausforderung und versuche in der Zusammenarbeit die Leute langsam wieder auf das richtige Gleis zu setzten und ihnen diesen Unfug auszutreiben.

 

Nun eine Erfolgsmeldung von einer andern "Baustelle":

Gestern erhielt ich die Nachricht über die Auslieferung der letzten Tricycles für die Behinderten. Nach langem Warten konnten sie an die Patienten übergeben werden. Die Bilder zeigen drei der Empfänger sowie einen Leprapatienten. Mrs. Ida, die Leiterin der Abteilung für Orthopädie, Physiotherapie und Rehabilitation im örtlichen Krankenhaus, hat die Bilder aufgenommen und in einer Powerpointpräsentation (hier klicken) zusammengestellt. Ich bin von Allen gebeten worden, den Spendern einen großen Dank auszurichten!

 
 


Dicto Machut Chowul


Mary ohne und mit dem neuen Tricycle


Elizabeth

 

Michael Mabor Madok ist der Watchman, das heißt der Hausmeister und Nachtwächter der Schule Mabor Ngap. Er hat durch Lepra seine Finger und Zehen verloren. Wie alle Leprakranken sind seine Nerven in den Unterarmen und Beinen taub. Als seine grasgedeckte Hütte nachts abbrannte, verbrannte er sich wegen des fehlenden Schmerzempfindens beide Hände. Bei dem Besuch im Krankenhaus wurden von Mrs. Ida seine Füße vermessen, und er bekam neue Sandalen. Glück im Unglück! Mit den zerbrochenen Ziegelsteinen unserer Baustelle hat er seine Hütte inzwischen wieder aufgebaut.

 


Zu guter Letzt wurde an meinem Geburtstag auch noch eine unserer beiden Köchinnen entbunden! Ich hatte Deborah schon gesagt, sie solle das Datum des 04. März im Auge behalten, und siehe da, Punktlandung! Herzlichen Glückwunsch!

 

 

Aus Rumbek mit herzlichen Grüßen, Martin Grütters

 

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Spendenkonto:

Empf.: Jesuitenmission/ Kto.-Nr:  511 55 82/ BLZ: 750 903 00/ Ligabank/ Verwendungszweck: Grütters/Rumbek 3816

Das Konto ist inzwischen geschlossen! Ganz herzlichen Dank noch einmal an alle, die zu den Projekten der vergangenen Jahre ihren Beitrag geleistet haben!

 

 

Die folgenden Links führen zu den weiteren Berichten:

1. Bericht aus Rumbek, 15. Mai 2005 (Die ersten Eindrücke)

2. Bericht aus Rumbek, 18. Juni 2005 (Hilfsprojekt für IDPs)

3. Bericht aus Rumbek, 21. August 2005 (Erstaunliches aus der Dinka-Kultur)

4. Bericht aus Rumbek, 20. Oktober 2005 (Über das Leben der Menschen  in Rumbek)

5. Bericht aus Rumbek, 20. Dezember 2005 (Die Schule Mabor Ngap, Rumbek)

7. Bericht aus Afrika, 28. April 2006 (Am Ende meines ersten Jahres)

8. Bericht aus Rumbek, 10. September 2006 (Nach dem Aufenthalt in Deutschland)

9. Bericht aus Rumbek, 01. November 2006 (Fortschritte bei der Projektarbeit)

10. Bericht aus Rumbek, 04.Februar 2007 (Langsamkeit als Therapie)

11. Bericht aus Rumbek, 31. Mai 2007 (Der Abschluss des zweiten Jahres)

12. Bericht aus Rumbek, 1. Dezember 2007 (Neuanfang als Selbständiger)

13. Bericht aus Rumbek, 22. März 2007 (Volldampf an den Baustellen)

14. Bericht aus Rumbek, 26. April 2007 (Langsamkeit und Stagnation)

15. Bericht über die Arbeit in Rumbek (Am Ende des dritten Jahres)

16. Bericht aus Rumbek, 01. März 2009 (Wiedereinleben zuhause in Rumbek)

17. Bericht aus Rumbek, 04. April 2009  (Sand im Getriebe)

18. Bericht aus Rumbek, 25.Juni 2009  (noch mehr Sand im Getriebe)

19. Bericht aus Rumbek, 20. Dezember 2009 (Das Ende ist nah!)

20. Bericht aus Rumbek, 31. März 2010  (Start der letzten Runde)

21. Bericht aus Rumbek, 04. September 2010 (Auf zum letzten Gefecht)

22. Bericht aus Rumbek, 12. Dezember 2010 (Wirklich der letzte?)

Aktueller Bericht (Ende gut, alles gut!)