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17. Bericht aus Rumbek, 04. April 2009

Früher als erwartet schreibe ich aus aktuellem Anlass schon heute den nächsten Bericht. Denn heute war so ein richtiger „Dinka-Tag“, geprägt von Erfahrungen, die man als Entwicklungshelfer in Rumbek und Umgebung mit den Dinka immer wieder macht und die einem das Leben hier erschweren. Auf ihre eigene Art treiben sie einen immer wieder an den Rand der Verzweiflung. Ich schreibe darüber nicht, um Spender zu vergraulen! Ich möchte die Schwierigkeiten hier nur möglichst authentisch beschreiben und darüber reflektieren!

Der Tag begann für mich damit, dass, als ich aufwachte, die Kinder bereits an den noch vorhanglosen Fenstern standen und auf mich warteten. Morgenstund’ hat Gold im Mund, herzallerliebst! Dann fand ich in meinem Wasserkanister, den zu verschließen ich abends vergessen hatte, eine große Spinne im Wasser treiben, erst halb ertrunken. Spinnen finde ich ekelig. Ich leide zwar nicht unter einer Spinnenphobie, aber unter anderen Umständen, zuhause in Deutschland etwa, hätte ich das Wasser höchstens noch zum Blumengießen verwendet. Hier ist das etwas anderes, hier muss das Wasser mühsam vom nächsten Brunnen geholt werden und ist deshalb wertvoller! Und ich hatte keine Lust zur Handpumpe zu fahren. Also habe ich mich an den berühmten Bäckermeister aus Hamburg, Rüdiger Nehberg, erinnert, der las Survivalexperte ja auch Vogelspinnen isst, sie zumindest dem Nahrungsangebot von Mc Donalds und Haribo vorzieht, und habe mir gedacht, von dem könnte ich was lernen. Also habe ich die Spinne mit einem Zweig aus dem Kanister gefischt (habe sie gerettet!) und das Wasser auch als Trinkwasser noch benutzt. Gerne denke ich nicht darüber nach! Umso lieber erinnere ich mich in dem Zusammenhang aber an meine Radtouren in Südamerika, besonders an die Durchschlageübung per Rad in Patagonien! Wie ich da in vor Jahren oder Jahrzehnten schon aufgegebenen und längst abgetakelten Tankstellen mich zum Übernachten eingerichtet habe, in den ehemaligen Sanitäranlagen mich im Dunkeln tapsend gewaschen oder geduscht habe, mal auf einem Frosch ausrutschend, mal einen Käfer knirschend zertretend oder beim Tasten nach einem Lichtschalter in Spinnennetze greifend. Gut, dass nirgendwo Licht brannte, so ist die Erinnerung wenigstens nicht bebildert! Seit heute kann ich also zur Not auch „Spinnenwasser“ trinken.

Mit Santino, dem Baumeister, der das Lehrerbüro der Schule Mabor Ngap fertig stellen will, war ich heute am Samstag, dem einzigen Wochentag, an dem ich mich um die Schulen und meine privaten Dinge kümmern kann, verabredet, um an der Veranda- und Dachkonstruktion etwas zu richten. In dieser Woche, ich war für die Diakonie unterwegs, sollte er einen Transport von der Panda Schule zu seiner Baustelle abwickeln. Alles war bezahlt und vorbereitet, aber bis heute ist nichts erledigt, wie ich feststellen musste.

An der Panda Schule, das die erfreuliche Nachricht, hat Abel Ater die Toiletten fertig gestellt (Bild rechts)! Der Contractor für die Klassenräume, John Magar, ist seit drei Wochen verschwunden. Am 13. März hat er von mir die letzte Rate bekommen, genug, um alle seine Handwerker für die Woche auszahlen zu können, bevor ich für einige Tage nach Nairobi musste. Von da zurückgekehrt erfuhr ich dann „John alliu“! „Alliu“ ist ein Wort aus dem Dinka, das mir seit langem sehr geläufig ist. Es ist eins der meist verwendeten und bedeutet „weg“. Seit dem Tag meiner Abreise nach Nairobi gibt es von ihm keine Spur. Mit Johns Verschwinden ist plötzlich auch der Zement „verbraucht“, alliu! Seine Handwerker haben kein Geld gesehen, „Guruc alliu“, „Geld weg“! Wie ich erfahren habe, hat John den Schlüssel „seines“ Containers einem Freund gegeben. In diesem Container befinden sich nicht nur die Materialien, die Santino abholen soll, weswegen er den Zweitschüssel dazu hat, sondern auch Wellblechreste, mit denen ich heute meine Toilette zuhause eindecken wollte. Diesen Freund habe ich aufgesucht, aber er ist „alliu“! Aus dem anderen Container, den Abel benutzt hatte, brauchte ich die Blechschere. Ich habe in allen Ecken und Behältern gestöbert, die Schere ist „alliu“! Die kann nur Abel für private Zwecke mitgenommen haben. Mein Unmut war inzwischen zu richtigem Ärger angewachsen. Während ich noch nach der Schere suche, kommen drei Jungen, etwa 12 – 13 Jahre alt, und gucken neugierig durch die offene Containertür. Keine halbe Minute vergeht, bis einer von ihnen im Container ist und Nägel klaut, einmal tief in den Sack gegriffen und ab dafür! Ich hinterher, hole ihn ein und kriege ihn am Schlafittchen zu packen. Jetzt hat er Pech, dass sich bei mir der Ärger schon angestaut hat, ich bin kurz davor, ihm eine zu pfeffern oder besser nach Dinka Manier mit einem Stock zu züchtigen, beherrsche mich aber und lasse von ihm ab, auch weil er winselt, aber nicht ohne ihn zu ermahnen: „Duk chuer masumar!“, Stiehl keine Nägel!“ Kaum hat er sich einige Schritte in Richtung Handpumpe entfernt, fängt er an in meine Richtung Faxen zu machen und mich auszulachen. Die Leute am Brunnen, darunter seine Mutter, wie sie Zeugen der Verfolgungsszene, zeigen sich belustigt und lachen mit ihm. Da ist niemand, der so einem Jungen mal die Meinung sagt. Als ich kurz darauf vorbeifahre, grüßen sie wie üblich: „Ci bak, Martin, ekadi?“,  „Hallo Martin, wie geht’s?“ Der pure Hohn! Ihr könnt mir alle mal den Buckel ’runter rutschen!

Mit dem Ärger und den erforderlichen Werkzeugen im Rucksack mache ich mich auf den Weg zur anderen Baustelle. Kurz davor treffe ich einen Lehrer der Schule, der mir sagt: „Brauchst nicht weiter zu fahren, Santino alliu!“ Das darf ja wohl nicht wahr sein, gestern zahle ich Santino eine Rate und wir verabreden uns für heute, damit er kommende Woche weiter arbeiten kann, und jetzt keine Spur von ihm! Telefonisch ist er ebenso wenig zu erreichen wie Abel wegen der Blechschere. An seiner Baustelle wird also nichts erledigt und ich komme ohne seinen Schlüssel nicht an meine Wellblechreste, um bei mir zuhause die Toilette fertig zu stellen! Der Tag ist halb vergeudet, es ist inzwischen Mittag.

Am Nachmittag habe ich das Vorhängeschloss am Container aufgesägt und dann die Bleche mit der Stichsäge zugeschnitten. Interessanter Weise war da mein Ärger vom Vormittag wieder verflogen. Habe ich mich schon so sehr an die Dinka gewöhnt? Kann ich mich darüber freuen, mich so schnell zu entspannen? Darf ich sogar stolz darauf sein? Oder muss ich mich kritisch fragen, ob es eigentlich keinen echten Grund zum Ärgern gab? War alles nur eine Folge von Bagatellen, die ein gelassener Mensch abgefedert hätte? Ich weiß im Moment wirklich nicht, wie ich es einschätzen soll. Soll ich mich an die Umstände soweit gewöhnen, bis mir alles egal ist? Es ist vielleicht an allem etwas dran. Als der Junge gelacht hat, war das vielleicht gar nicht böse gemeint. Er hat mich gar nicht ausgelacht sondern nur Spaß gehabt, dass er Glück hatte, ungestraft davon gekommen zu sein!? Und die Anderen fanden das Ganze irgendwie sympathisch, wer weiß? Die Menschen anderer Kulturen sind uns meist viel fremder, als wir ahnen. Die Dinka haben durchaus Humor und auch Selbstironie, aber sie kennen keine Schadenfreude! Da haben sie uns etwas voraus. Wie leicht interpretiert man Situationen falsch und kommt zu schlechten Schlussfolgerungen. Abel Ater ist inzwischen rehabilitiert! Denn ich habe ihn später noch getroffen und erfahren, dass John Magar die Blechschere für seine Arbeit genommen hatte. Was heute Santinos Problem war, wird sich zeigen.

Bevor ich die Wellbleche aufnageln konnte, brach das erste Unwetter der beginnenden Regenzeit herein. Das habe ich auf meiner kleinen Veranda bei Kaffe abgewartet. Der Regen kommt hier immer aus Osten, die Veranda geht nach Westen, wo es noch hell war am Horizont. Oft scheint in der Regenzeit die Sonne aus Westen auf die Gewitterfront im Osten. Dabei erscheint alles in einem ganz tollen Licht, die Bäume erstrahlen regelrecht in einem leuchtenden Grün vor dem Dunkelblau der Wolken, wie ich es kaum jemals in Deutschland und auch nicht auf meinen Radtouren in Südamerika gesehen habe. Und wenn ich so bei Regen auf der Veranda sitze, freue ich mich richtig über das Dach, das mich vor dem Regen schützt! Dass ich so im Trockenen sitzend Kaffe trinken und ein Gewitter erleben kann! Mich über solche Dinge, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu freuen, ist mir in Deutschland, insbesondere in der Stadt, kaum gelungen. Auch darin liegt für mich ein besonderer Vorzug des Lebens hier in Sudan!

Mein neues Badezimmer

Es ist für mich wirklich nicht einfach mir klar zu werden darüber, welche Einstellung gegenüber den Umständen hier für mich angemessen ist. Ich erlebe häufig ein Wechselbad der Gefühle. Die wiederholten Unregelmäßigkeiten führen erst zu einer Verstimmung und bald zu richtigem Ärger, der bei dem Versuch, die Hintergründe zu verstehen, sich relativiert oder von einem schönen Erlebnis verdrängt wird, bis am Ende eine Ratlosigkeit übrig bleibt in dem Bewusstsein, dass Interpretationen letztendlich hypothetisch und damit müßig sind und nach dem schönen Gewitter die Arbeit eben doch liegen geblieben ist.

Jetzt noch kurz zum Stand der Dinge in Duony. Leider ist für den geplanten Schulbau dort bisher nichts geschehen. Irgendwo im Bezirk Cueibet ist es wieder zu einem Stammeskrieg gekommen. Der LKW der Bezirksregierung, mit dem Materialien nach Duony transportiert werden sollten, wird seit einigen Wochen vom Militär benutzt, um Soldaten ins Krisengebiet zu bringen. Inzwischen hat es einige Male schon heftig geregnet, und ich befürchte, dass uns die Regenzeit bei der Verspätung doch einen Strich durch die Rechnung machen wird. Wie fast immer war auch dieses Mal ein Viehdiebstahl der Anlass für die Kämpfe. Die Kühe sind doch immer noch wichtiger für die Dinka als Schulen.

Herzliche Grüße, Martin Grütters
 

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Das Konto ist inzwischen geschlossen! Ganz herzlichen Dank noch einmal an alle, die zu den Projekten der vergangenen Jahre ihren Beitrag geleistet haben!

 

 

Die folgenden Links führen zu den früheren Berichten:

1. Bericht aus Rumbek, 15. Mai 2005 (Die ersten Eindrücke)

2. Bericht aus Rumbek, 18. Juni 2005 (Hilfsprojekt für IDPs)

3. Bericht aus Rumbek, 21. August 2005 (Erstaunliches aus der Dinka-Kultur)

4. Bericht aus Rumbek, 20. Oktober 2005 (Über das Leben der Menschen  in Rumbek)

5. Bericht aus Rumbek, 20. Dezember 2005 (Die Schule Mabor Ngap, Rumbek)

6. Bericht aus Rumbek, 05. März 2006 (Der Neubau der Schule Mabor Ngap, Rumbek)

7. Bericht aus Afrika, 28. April 2006 (Am Ende meines ersten Jahres)

8. Bericht aus Rumbek, 10. September 2006 (Nach dem Aufenthalt in Deutschland)

9. Bericht aus Rumbek, 01. November 2006 (Fortschritte bei der Projektarbeit)

10. Bericht aus Rumbek, 04.Februar 2007 (Langsamkeit als Therapie)

11. Bericht aus Rumbek, 31. Mai 2007 (Der Abschluss des zweiten Jahres)

12. Bericht aus Rumbek, 1. Dezember 2007 (Neuanfang als Selbständiger)

13. Bericht aus Rumbek, 22. März 2007 (Volldampf an den Baustellen)

14. Bericht aus Rumbek, 26. April 2007 (Langsamkeit und Stagnation)

15. Bericht über die Arbeit in Rumbek, 30. Juli 2008 (Am Ende des dritten Jahres)

16. Bericht aus Rumbek, 01. März 2009 (Wiedereinleben zuhause in Rumbek)

18. Bericht aus Rumbek, 25.Juni 2009  (noch mehr Sand im Getriebe)

19. Bericht aus Rumbek, 20. Dezember 2009 (Das Ende ist nah!)

20. Bericht aus Rumbek, 31. März 2010  (Start der letzten Runde)

21. Bericht aus Rumbek, 04. September 2010 (Auf zum letzten Gefecht)

22. Bericht aus Rumbek, 12. Dezember 2010 (Wirklich der letzte?)

Aktueller Bericht (Ende gut, alles gut!)