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12. Bericht aus Rumbek, 1. Dezember 2007

Es wird Zeit, über die letzten Wochen in Rumbek zu berichten.

Nach meiner Ankunft aus Nairobi konnte ich dankenswerter Weise für drei Wochen als Gast bei der Deutschen Diakonie Katastrophenhilfe wohnen, Zeit genug, um mich hier wieder einzugewöhnen und Fahrt aufzunehmen. An der Panda Nursery School haben wir mit dem Anstrich des Doppelklassenzimmers (rechts im Bild) begonnen, eine Arbeit, die ausgeführt werden muss, um den Bedingungen für die Projektförderung durch UNMIS zu entsprechen. Gleichzeitig haben wir Holz besorgt und einen ugandischen Schreiner mit der Anfertigung aller Türen und Fensterläden für das Gebäude beauftragt, der seitdem fleißig daran arbeitet.

Ende Oktober haben meine Volontärskollegen Volker und Jörg Rumbek verlassen und sind nach Hause zurückgekehrt. Seitdem lebe ich hier alleine. Als ich endlich mit meinem Zelt auf mein neues Grundstück gezogen bin, traf auch bald der Container ein, den ich in Nairobi gekauft, beladen und auf den Weg gebracht hatte. Zement und Zementsteinpressen wurden an den beiden Schulen für die kommenden Arbeiten abgeladen, sechs Fahrräder für Behinderte gingen an die entsprechende Abteilung im hiesigen Krankenhaus (das erste davon gleich an Daniel Mading Buong, den viele Leser aus meinem Vortrag kennen) und der Container schließlich auf mein neues Grundstück.

Auf diesem versuche ich, mich häuslich einzurichten. Das Zelt, von einem netten Nachbarn in Münster geschenkt (aus Gründen der Diskretion  kann ich ihn hier nicht namentlich nennen. Ich möchte aber sagen "Gut gebrüllt, Löwe!"), ist seitdem mein Zuhause. Ohne Schrank, Regal, Kiste oder sonstige Ablagemöglichkeiten, noch ohne  richtige Dusche und Klo ist die Wohnsituation recht spartanisch. Gut, dass ich mich auf meinen Radtouren, besonders im wilden Patagonien, im Hochland Boliviens und in der Atacamawüste darauf schon vorbereiten konnte! Oft ergibt doch Erlebtes im Nachhinein einen tieferen Sinn. Dabei habe ich in diesem neuen Umfeld ein mir wichtiges Ziel bereits erreicht, nämlich mich richtig auf die Lebensbedingungen der Sudanesen in Rumbek einzulassen. Ich gehe täglich zur Handpumpe, um Wasser zu holen, esse auf einem kleinen Markt zu Mittag (ein Essen kostet 3, 4 oder 5 neue sudanesische Pfund = 1,50 – 2,50 Dollar) kaufe mir dort Brot und Mandazi, eine Art frittiertes Krapfengebäck, und koche abends in schönster Erinnerung an meine Radtouren selbst ein Reis- oder Nudelgericht. Im Mondschein bei Grillenzierpen sitze ich zwischen Palmen, deren Shilouetten sich vor dem grauen Nachthimmel abzeichnen, und freue mich über diese Afrikaerfahrung.

Dabei habe ich viel Zeit, auch über Sinn oder Unsinn all dessen nachzudenken. Ich frage mich, was mich hierher geführt hat und wohin es noch gehen soll. Mir wird klar, wie ganz und gar unprofessionell ich als Entwicklungshelfer bin, und ich stelle mich der Frage, in wiefern das gut oder dumm ist. Warum lebe ich nicht auf dem metallumzäunten Grundstück einer Hilfsorganisation, habe dort wie bei der Diakonie Angestellte, die für mich kochen und Wäsche waschen, genieße Kühlschrank und sogar Satellitenfernsehen, bin zwar weniger originell aber professionell? Schnell mache ich mir jedoch klar, dass es keine Organisation gibt, die ihre Finanzmittel in so großen Teilen in die Projekte selbst investiert und ein so gutes Verhältnis von operativen Kosten zu Investment aufweist. Keine Organisation hat eine so gute Bilanz aufzueisen, wie ich als Ein-Mann-Unternehmen und Volontär. Meine konzentrierte Unprofessionalität ist zum Vorteil der Projektarbeit, ich bin nicht trotz sondern wegen ihr erfolgreich. Es ist gut so!

Zu meiner Überraschung las ich kürzlich in meiner derzeitigen Lektüre die folgende Übersetzung aus dem Buch Deuteronomium: 5. Moses 23, 12-13:  „Und Du sollst außen vor Deinem Lager einen Ort haben, dahin Du zur Noth hinausgehest. Und Du sollst ein Schäufelchen haben, und wenn Du Dich draußen setzen möchtest, sollst Du damit graben. Und wenn Du gesessen bist, sollst Du verscharren, was von Dir gegangen ist!“ Ich habe mich darüber ehrlich gefreut, mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich mich in meiner neuen Lebenssituation hier auch im Einklang mit der Bibel befinde! Noch ehe ich aber in Einklang mit der Bibel den Ort richtig einweihen konnte, hat der Kerl, den ich mit dem Mähen des Grases (und ausdrücklich nur des Grases!) beauftragt hatte, als allererstes im Handumdrehen die Büsche um meinen Ort herum mit der Machete abgeschlagen. "Macht nichts", war sein Kommentar, "kannst ja nachts zur Toilette gehen". Das sind die Situationen, die mich hier zur Verzweiflung bringen und mir Tränen in die Augen treiben! Warum bespricht man alles so ausführlich, wenn es dann doch genau anders gemacht wird? Und selbst ohne ausführliches Leistungsverzeichnis im Voraus ist so etwas doch - ja, was ist es?- es ist dumm! Seitdem hatte ich wirklich ein Problem mit dem "Nothfall", denn da der Zaun an zwei Stellen geöffnet ist, herrscht ein Kommen und Gehen, weil Viele die Abkürzung nehmen und Privatsphäre einfach kein Thema ist.

Vor einigen Tagen dagegen wollte gar nichts von mir gehen! Ich hatte tagsüber vielleicht zu viele frische Erdnüsse gegessen, die ja viel Öl enthalten, zum Kaffe am späten Nachmittag auch noch Mandazi. Danach bekam ich Bauchschmerzen. Sie ließen nicht nach, sondern hielten sich hartnäckig. Es war nichts zu machen, ob ich stand, saß oder lag, gekrümmt oder gestreckt, dem Schmerz war nicht zu entkommen! In Erinnerung an Wärmflaschen, die früher in solchen Fällen geholfen haben, habe ich mitten in der Nacht Wasser gekocht. Das hat etwas Linderung gebracht, jedoch nur kurz. Zuhause in Deutschland hätte ich nicht gezögert, noch um 3:00h nachts meinen Hausarzt anzurufen! Und während ich zusammengekauert, die Warmwasserflasche zwischen Beine und Bauch geklemmt, auf dem Stuhl hockte, sollte das Elend auch noch sein hässliches Gesicht erhalten in Gestalt eines dicken, feisten Skorpions, der vor mir auf dem Boden im Vorzelt saß. Den konnte ich dann nur noch erschlagen, anstatt ihn fachgerecht zu fangen und in Öl zu frittieren, wie man es macht, um ein Gegengift eben für Skorpionstiche zu gewinnen, wenn das Tier sich bei zunehmender Hitze im Ölbad instinktiv zu wehren versucht und sein Gift absondert. Am frühen Morgen erst bin ich trotz der Bauchschmerzen kurz eingeschlafen, später ging es dann langsam besser.

Leider wurde ich auch in diesem dritten Jahr wieder einmal von Malaria geplagt. Dieses Mal waren die Beschwerden etwas größer, als bei den ersten Anfällen. Das ist nicht nur an sich unangenehm, sondern zieht auch immer eine Zeitverzögerung nach sich. Bei meinem dichten Programm in diesem mit knapp neun Monaten sehr kurzem Aufenthalt ist das besonders ärgerlich. Ich habe vor Jahren ein Buch mit dem Titel „Wege zur Gelassenheit“ gelesen. Der Weg über Sudan ist ein möglicher dorthin. Was bleibt einem hier anderes übrig, als ihn zu finden?

Ich habe mit dem Direktor des SSRRC (South Sudan Relief and Rehabilitation Council) gesprochen, der Verwaltungsorganisation, die hier für die Arbeit der Hilfsorganisationen zuständig ist. Er hat mir nahe gelegt, mich als eine Organisation registrieren zu lassen, was ich bald tun werde. Gegenüber meinem jetzigen Status als Privatperson hat das den großen Vorteil, im Ernst- oder Krisenfall mit der Unterstützung der internationalen Community rechnen zu können. Zu dem Zweck werde ich jetzt ein Lable für mich finden müssen. Für Anregungen dafür bin ich sehr aufgeschlossen!

In Städten wie Rumbek ist die infrastrukturelle und wirtschaftliche Entwicklung deutlich sicht- und spürbar. Auch im privaten Umfeld wird viel investiert. Es gibt schon einige solider gebaute, mit Wellblech gedeckte Privathäuser, Einfriedungen privater Grundstücke mit Bambus, aus denen Radio oder Kassettenmusik zu hören ist,  private PKW und Motorräder, und die Innenstadt quillt fast über mit Konsumgütern, die aus dem Ausland und vor allem aus dem Norden Sudans eingeführt werden. Als Sinnbild dafür seien die beiden Bilder von LKW aus Rumbek zu betrachten.

Zum Abschluss möchte ich noch Peter vorstellen, den Watchman der Panda Schule. Er hat sich von unserem Schreiner aus Holzverschnittstücken ein Kreuz machen lassen, das gleichzeitig als Lesepult verwendet werden kann. Der Gekreuzigte ist seine eigene Zeichnung, mit Tafelkreide angefertigt in den Farben der Flagge von New Sudan, die das Kreuz auch dort zieren, wo sonst die Inschrift zu lesen ist. Ähnlichkeiten zwischen Christus und Mike, einem anderen Idol Peters, sind sicher rein zufällig.

Am ersten Advent wünsche ich allen Lesern und meinen Spendern eine gute Vorweihnachtzeit und schon jetzt ein schönes Fest und gutes neues Jahr!

Aus Rumbek wie immer herzliche Grüße, Martin Grütters

 

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Spendenkonto:

Empf.: Jesuitenmission/ Kto.-Nr:  511 55 82/ BLZ: 750 903 00/ Ligabank/ Verwendungszweck: Grütters/Rumbek 3816

Das Konto ist inzwischen geschlossen! Ganz herzlichen Dank noch einmal an alle, die zu den Projekten der vergangenen Jahre ihren Beitrag geleistet haben!

 

 

Die folgenden Links führen zu den weiteren Berichten:

1. Bericht aus Rumbek, 15. Mai 2005 (Die ersten Eindrücke)

2. Bericht aus Rumbek, 18. Juni 2005 (Hilfsprojekt für IDPs)

3. Bericht aus Rumbek, 21. August 2005 (Erstaunliches aus der Dinka-Kultur)

4. Bericht aus Rumbek, 20. Oktober 2005 (Über das Leben der Menschen  in Rumbek)

5. Bericht aus Rumbek, 20. Dezember 2005 (Die Schule Mabor Ngap, Rumbek)

6. Bericht aus Rumbek, 05. März 2006 (Der Neubau der Schule Mabor Ngap, Rumbek)

7. Bericht aus Afrika, 28. April 2006 (Am Ende meines ersten Jahres)

8. Bericht aus Rumbek, 10. September 2006 (Nach dem Aufenthalt in Deutschland)

9. Bericht aus Rumbek, 01. November 2006 (Fortschritte bei der Projektarbeit)

10. Bericht aus Rumbek, 04.Februar 2007 (Langsamkeit als Therapie)

11. Bericht aus Rumbek, 31. Mai 2007 (Der Abschluss des zweiten Jahres)

13. Bericht aus Rumbek, 22. März 2007 (Volldampf an den Baustellen)

14. Bericht aus Rumbek, 26. April 2007 (Langsamkeit und Stagnation)

15. Bericht über die Arbeit in Rumbek (Am Ende des dritten Jahres)

16. Bericht aus Rumbek, 01. März 2009 (Wiedereinleben zuhause in Rumbek)

17. Bericht aus Rumbek, 04. April 2009  (Sand im Getriebe)

18. Bericht aus Rumbek, 25.Juni 2009  (noch mehr Sand im Getriebe)

19. Bericht aus Rumbek, 20. Dezember 2009 (Das Ende ist nah!)

20. Bericht aus Rumbek, 31. März 2010  (Start der letzten Runde)

21. Bericht aus Rumbek, 04. September 2010 (Auf zum letzten Gefecht)

22. Bericht aus Rumbek, 12. Dezember 2010 (Wirklich der letzte?)

Aktueller Bericht (Ende gut, alles gut!)